Tindra und die Meerjungfrau
In einer windstillen Nacht lag das Wasser im Hafen von Nyksund schwarz und glatt da,wie poliertes Glas.
Tindra war wach. Das kam selten vor. Doch in dieser Nacht war etwas anders.
Ein leises Geräusch hatte sie geweckt. Kein Rufen, kein Klirren. Eher ein vorsichtiges Bewegen. So, als würde jemand etwas machen, ohne gesehen werden zu wollen.
Neugierig kroch Tindra zwischen den alten Balken der Holmvik Brygge hervor und blickte hinunter zum Wasser.
Und dann sah sie sie.
Eine Gestalt, halb im Wasser, halb darüber. Ihr langes Haar glänzte im schwachen Licht, ihre Bewegungen waren ruhig, beinahe lautlos. Doch was sie tat, ließ Tindra innehalten. Sie sammelte Dinge ein die auf dem Wasser trieben. Ein Stück Seil. Ein verfangenes Netz. Kanister. Flaschen. Alles, was sich im Wasser tummelte und dort nicht hingehörte.
„Was machst du da?“, fragte Tindra leise.
Die Gestalt hielt inne. Langsam drehte sie sich um. Ihre Augen waren tief , wie das Meer selbst.
„Ich bringe zurück an Land, was nicht ins Meer gehört“, antwortete sie ruhig.
Tindra kletterte ein Stück näher. „Warum?“
Die Fremde hob ein nasses Stück Plastik an.
„Weil das Meer daran ersticken kann. Wir wollen ein sauberes Meer für uns alle. Für mich, meine Schwestern und Brüder, für die Fische, die Robben, die Seeigel… für alles, was hier lebt.“
Da verstand Tindra, wen sie vor sich hatte.
„Du bist… eine Havfrue?“
Ein feines Lächeln zog über das Gesicht der Fremden.
„Ja, Tindra, manche nennen mich so. Ich heiße Doris, benannt nach einer entfernten Verwandten von mir, Doris, der Meeresnymphe aus dem alten Griechenland. Aber Du kannst mich lieber Dori nennen.“
Tindra setzte sich an den Rand der Planken.
"Woher kennst Du meinen Namen?", fragte Tindra erstaund.
"Tindra der Troll von Nyksund ist in der gesammten Menschen- Tier-, unf Fabelwelt wohl bekannt. Deine Abenteuer kennen wir alle", antwortete Dori als ob das was ganz normales wäre. Tindre fühlte sich geschmeichelt. Dennoch hatte sie weitere fragen an das Wesen.
„Warum machst du das alles hier allein. Will Dir keiner helfen?“
Dori blickte hinaus in die Dunkelheit. Lange sagte sie nichts.
Dann antwortete sie leise:
„Die meisten verstehen nicht die Konsequnzen von dem was sie tun und denken daher dass sie keine Verantwortung übernehmen müssen für Ihr Handeln. Da niemand etwas macht, wird das Meer irgendwann komplett vermüllt sein. Deshalb komme ich jeden Abend an die Küste und bringe zurück an Land, was nicht ins Meer gehört. Ab hier müssen die Menschen wieder übernehmen. Ich würde mich über Hilfe freuen… aber viele von meiner Art kümmern sich einfach nicht darum. Wenn es hier zu schmutzig wird, ziehen sie weiter. Ich aber will bleiben. Ich fühle mich diesem Ort verbunden. Deshalb versuche ich, das Meer hier sauber zu halten.“
Die Worte blieben in der Nacht stehen.
Tindra sah sie an.
„Ich helfe dir heute Nacht.“
Gemeinsam zogen sie unzähliges Treibgut aus dem Meer. Die ganze Nacht über sammelten sie die Hinterlassenschaften der Menschen aus dem Wasser. Tindra half, so gut sie konnte, zog kleine Dinge zwischen den Steinen hervor und reichte sie Dori. Es ging langsam, mühsam und doch lag eine tiefe Ruhe darin.
Plötzlich hielt Tindra inne.
„Da ist etwas.“
Zwischen Tang und alten Holzresten lag eine kleine, halb vergrabene Kiste.
Gemeinsam zogen sie sie hervor. Das Holz war alt, vom Wasser glatt geschliffen.
Vorsichtig öffneten sie den Deckel.
Darin lagen ein kleines Amulett, ein kleiner Kompas und ein Stück Holz mit eingeritzten Zeichen.
Tindra hielt den Atem an.
„Das ist von den Menschen, die hier gelebt und diesen Ort aufgebaut haben?“
Dori nickte langsam.
„Sie haben etwas für die Zukunft dagelassen.“
„Warum?“
Dori strich über das Amulett.
„Vielleicht, damit jemand sich erinnert. An eine Zeit, in der die Menschen achtsam mit der Natur und besonders mit dem Meer umgegangen sind. Der Kompas zeigt nicht nur in Richtung Norden. Er Zeigt auch in die Zukunft und soll Hoffnung geben.“
Tindra sah hinaus aufs Wasser. Sie dachte an die alten Geschichten die Sie von Ihren Freunden gehört hatte. An die ersten Menschen, die hier lebten. An harte Zeiten. An Aufbau. Und daran, wie sich alles verändert hatte. Und zum ersten Mal fühlte sie etwas, das sie vorher nicht gekannt hatte. Verantwortung dem Meer gegenüber dass uns umgibt.
Am nächsten Morgen suchte Tindra Ssemjon auf. Sie erzählte ihm alles, von Dori vom Meer und davon, was dort geschah und dass die Meeresbewohner verschwinden würden, wenn niemand beginnt, sich wieder um das Meer zu kümmern.
Ssemjon hörte aufmerksam zu. Dori kannte er. Oft hat er sie Nachts heimlich beobachtet als sie in den Wellen vor der Küste von Nyksund schwamm. Dass sie aber jeden Abend das Meer von Menschenmüll befreite ahnte er bisher noch nicht.
"Komm", sagte Ssemjon zu Tindra, "lass uns mit den Anderen reden".
Tindra erzählte ihre Geschichte nun auch Otta dem Otter, Egil dem Elch, Christoph der Robbe, der Hyldra und vielen anderen ihrer Freunde. Alle hörten gespannt zu. Dann sagte Christoph: „Wir müssen etwas tun und ich weiss auch schon was! Wir arbeiten ab heute alle zusammen daran um die Küste sauber zu halten. Und nicht nur das, wir müssen auch darauf achten, dass wir und vor allem die Menschen das Meer nicht weiter verschmutzen. Damit wir das nie vergessen, treffen wir uns jedes Jahr vor dem 17. Mai, unserem Nationalfeiertag und reinigen die Küste vor Nyksund gemeinsam von allem was hier nicht hingehört“
Und so begann es. Zuerst waren es nur wenige die für das jährliche Treffen auch wirklich Zeit aufbringen konnten,dann wurden es mehr. Und eines Tages war es für alle selbstverständlich bei der Aktion mitzuhelfen.
Sie sammelten alles, was das Meer richtung Land spülte. Alles, was nicht dorthin gehörte: Netze, Plastik, alte Seile, fremde Dinge, die teils auch aus fernen Ländern hier angeschwemmt wurden.
Was als Idee begann, wurde zur Gewohnheit und schließlich zur Tradition. Wer heute Nyksund in der Woche vor dem 17. Mai besuchen kommt wird auch heute noch die gesammte Dorfgemeinschaft beim reinigen des Meeres erleben können.
Dori war überglücklich über die Hilfe, die sie nun bekommen hatte.
Auch wenn sich alle nur einmal im Jahr zu einer großen Aufräumaktion trafen, hatte sich doch etwas verändert. Die Menschen begannen, bewusster zu handeln. Sie warfen nicht mehr achtlos Dinge ins Meer. Sie achteten darauf, was sie taten und was sie hinterließen.
Und genau das machte den Unterschied. Das Meer wurde sauberer. Ruhiger. Klarer. Und Dori`s Herz… wurde wieder leichter. Aus dankbarkeit für so viel Unterstützung und Hilfe organisierte sie kurzerhand ein riesiges Wasserkonzert für Ihre MItstreiter. Selbst der berühmte Seelöwe Sammy F kam angeschwommen und begeisterte die Massen mit seinem Gesang. Sie feierte bis tief in die Nacht. Sie Tanzten und sangen und bestätigten sich mehrerfach gegenseitig ab heute das Meer sauber halten zu wollen. Danach gingen sie alle heim und träumten von der berauschenden Stimme des Seelöwen Sammy.
Nachts, wenn die Wellen leise gegen die Pfähle der Holmvik Brygge schlagen und der Mond sein silbernes Licht über das Wasser legt, gleitet Dori auch heute noch durch die dunklen Wellen. Oft hebt sie sich aus dem Wasser, lässt sich von den Wellen tragen oder reitet auf ihnen, als wären sie ein Teil von ihr. Frei. Zufrieden. Zuhause.
Manchmal singt sie dabei. Ganz leise. So leise, dass man es kaum hören kann, nur spüren.
Und wenn man in solchen Nächten ganz still ist…
wirklich still…
…kann man sie sehen.
Dori die Havfru, wie sie über die Wellen vor Nyksund tanzt.
Ein flüchtiger Moment. Ein silberner Schatten im Wasser.
Und vielleicht wenn man genau hinsah ein inneres Lächeln.