Tindra und das Coworkingspace

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19.01.25
15:50
Ssemjon Gerlitz


Eines sonnigen Morgens schlenderte Tindra über die kleine Insel Ungsmaløya, die zu Nyksund gehört. Hier stand nicht nur die Holmvik Brygge, sondern auch viele andere Häuser, eines davon war das Büro von Ssemjon. Tindra liebte es, sich hinter den Aktenstapeln auf den Schränken zu verstecken und Ssemjon heimlich bei der Arbeit zu beobachten.

Manchmal tippte Ssemjon konzentriert auf seinem Laptop herum, und plötzlich erschien wie von Zauberhand eine Antwort auf seinem Bildschirm. Tindra war fasziniert. „Wie kann das nur funktionieren?“ murmelte sie leise vor sich hin.

Plötzlich hörte sie Flügelschläge und sah Kaja, die Möwe, am Bürofenster vorbeifliegen. Neugierig huschte Tindra hinaus, um mit Kaja zu plaudern.

„Kaja! Hast du einen Moment Zeit?“ rief Tindra und winkte.

„Für dich doch immer!“ antwortete Kaja, während sie elegant auf einem Zaun landete. „Was gibt’s?“

„Ich hab da was Merkwürdiges gesehen,“ begann Tindra. „Ssemjon tippt auf diesem Kasten da drinnen herum, und plötzlich bekommt er von irgendwo eine Antwort. Wie macht er das?“

Kaja lachte. „Ach, Tindra. Das ist ein Computer. Die Menschen benutzen ihn, um miteinander zu reden, wenn sie nicht wie wir direkt miteinander sprechen können.“

„Kann er so mit der ganzen Welt reden?“ fragte Tindra mit großen Augen.

„Ja, theoretisch schon,“ erklärte Kaja. „Besonders hier in Nyksund, wo es so ruhig und abgeschieden ist, ist das ziemlich praktisch.“

Plötzlich schlich sich Otta, der Otter, dazu. „Nicht nur die Menschen nutzen das Internet,“ warf er ein. „Ihr wisst ja, dass ich Otta heiße – Olavi Torbjørn Trygve Anders. Mein erster Name ist finnisch, mein letzter schwedisch, und die in der Mitte sind norwegisch. Ich habe Verwandte in all diesen Ländern. Damit ich nicht ständig hin- und herschwimmen muss, chatte ich ihnen Nachrichten.“

„Chatten? Was ist das?“ fragte Tindra neugierig.

„Ich zeig’s dir!“ flüsterte Otta. „Schau, Ssemjon ist gerade raus. Lass uns leise ins Büro schleichen.“

Vorsichtig huschten Tindra und Otta ins Büro. Otta sprang auf den Schreibtisch, öffnete den Laptop und zeigte Tindra, wie sie Nachrichten schreiben konnte. „So, hier kannst du mit jedem schreiben, er auch gerne chatten möchte,“ erklärte er.

Tindra staunte und probierte es aus. Schnell merkte sie, wie viel Spaß es machte. In den nächsten Wochen knüpfte sie über das Internet Freundschaften mit Menschen aus der ganzen Welt.

Ein seltsames Gefühl
Eines Abends saß Tindra wieder am Laptop und schrieb mit ihren neuen Freunden. Später erzählte sie Kaja und Otta davon. „Es macht wirklich Spaß, mit meinen Freunden zu schreiben,“ sagte sie. „Aber es macht mich auch ein bisschen traurig.“

„Warum?“ fragte Kaja.

„Weil ich sie nie persönlich treffen kann. So von Angesicht zu Angesicht,“ erklärte Tindra.

„Warum nicht?“ fragte Kaja.

„Eine dumme Frage,“ murmelte Otta. „Sie wohnen einfach zu weit weg. Sie sind halt nicht so gute Schwimmer wie ich und können schnell hier her schwimmen.“

„Oder so gute Flieger wie ich,“ ergänzte Kaja stolz.

„Darum geht es nicht,“ erklärte Tindra. „Sie könnten mich in Nyksund besuchen, aber ihen fehlt so etwas wie ‚Urlaub‘. Das sind Tage, an denen sie nicht arbeiten müssen. Und davon haben sie nicht viele.“

„Das ist ja schrecklich!“ riefen Otta und Kaja gleichzeitig.

«Genau», Tindra seufzte.

 
Ein paar Tage später saß Tindra wieder am Laptop. Sie war so ins Schreiben vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie sich die Bürotür öffnete. Plötzlich stand Ssemjon im Raum.

„Was …? Wer bist du?“ fragte er verblüfft.

Tindra sprang erschrocken vom Stuhl. „Ich bin Tindra,“ murmelte sie. „Und du?“ Natürlich wusste Sie wer er war, aber Ihr fiel nichts besseres ein zu sagen.

„Ich bin Ssemjon,“ antwortete er. „Und was machst du an meinem Computer?“

Schüchtern erzählte Tindra ihm alles: wie sie heimlich in der Holmvik Brygge wohnte, wie sie Baumaterial „auslieh“ und ihnen manchmal bei den Renovierungen half.

Ssemjon lachte. „Ich wusste es! All die seltsamen Dinge, die hier passiert sind – Werkzeug, das verschwand, und Arbeiten, die wie von Zauberhand erledigt waren – das war alles dein Werk!“

„Bist du sauer?“ fragte Tindra unsicher.

„Natürlich nicht,“ sagte Ssemjon. „Ich freue mich, dass du hier bist. Bleib gerne bei uns wohnen.“

 
Tindra erzählte Ssemjon von ihren Online-Freunden und davon, wie traurig es war, sie nie treffen zu können.

Ssemjon dachte nach. „Weißt du,“ begann er, „wir haben gerade ein neues Projekt gestartet. Wir bauen ein ‚Coworking- und Coliving-Space‘.“

„Was ist das?“ fragte Tindra neugierig.

„Das ist ein Ort, an dem Menschen an Ihren eigenen Projekten arbeiten können, während sie hier bei uns wohnen. Sie können die Ruhe genießen oder mit anderen zusammen sein. Vielleicht können deine Freunde so nach Nyksund kommen ohne das sie Urlaub brauchen.“

Tindra strahlte vor Begeisterung. Sie schrieb sofort an ihre Freunde und lud sie ein.

Nur wenige Wochen später kamen Adelaide aus der Schweiz, Karl aus Peru, Marjan aus den Niederlanden und Antoine aus Frankreich und viele mehr, nach Nyksund. Ssemjon nahm sie in Empfang und gemeinsam feierten sie ihre Ankunft mit einem großen Willkommensessen.

 


Beim Essen fragte Sonja aus Deutschland: „Wo ist denn Tindra? Wir sind eigentlich wegen ihr hier.“

„Sie sitzt doch auf dem Tisch,“ sagte Ssemjon und zeigte auf eine kleine Trollfigur die jeder schon bemerkt hatte aber Ihr keine Bedeutung gegeben hatten.

Plötzlich bewegte sich die Figur und begann zu sprechen. Alle staunten.

„Das Internet ist wirklich anonym,“ sagte Adelaide lachend. „Aber ein Troll als Chatfreund? Das hätte ich nicht erwartet.“

„Ein netter Troll,“ ergänzte Karl.

„Wir sind doch alle ein bisschen trollig,“ scherzte Kalle aus Deutschland, und alle lachten.

Am Ende des Abends packte Theano aus Griechenland ihre Santouri aus und spielte ein Lied. Die Gruppe sang, lachte und feierte bis tief in die Nacht.

 
Am Ende des Tages saß Tindra mit ihren Freunden am Hafen. Christoph, die Robbe, tauchte aus dem Wasser auf. „Bei all Deinen neuen Freunden vergisst Du uns aber hoffebntlich nicht,“ sagte er.

„Niemals,“ antwortete Tindra lächelnd. „Ihr seid meine Familie.“

Zusammen schauten sie den Mond an und freuten sich auf all die Abenteuer, die noch vor ihnen lagen.