Tindra und die Königinnenroute
Tindra und die Königinnenroute
Tindra war in Nyksund, ihrem kleinen Zuhause, und schaute nachdenklich aus ihrem Fenster. Obwohl Nyksund voller Leben war und immer etwas passierte, spürte sie ein Kribbeln in ihren Füßen. „Ich will mal was anderes erleben,“ dachte sie.
Immer wieder hörte sie Touristen über die „Dronningruta“ sprechen, eine Wanderroute, die als besonders schön galt. „Das klingt spannend,“ überlegte sie. „Das muss ich ausprobieren!“
Am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg. Sie ging hinaus aus Nyksund in Richtung Trollvika, der kleinen Bucht, wo Hellen die Huldra lebte. Der Wanderweg begann vor einer kleinen Hütte.
„Wohin des Weges?“ rief Hellen, als sie Tindra kommen sah.
„Ich will die Dronningruta laufen,“ antwortete Tindra mit glänzenden Augen.
„Das ist eine wunderbare Idee!“ sagte Hellen lächelnd. „Weißt du, warum die Menschen diesen Weg ‚Dronningruta‘ nennen?“
Tindra schüttelte den Kopf. „Hat das eine besondere Bedeutung?“
Hellen lachte. „Aber sicher! ‚Dronning‘ bedeutet ‚Königin‘. Es ist die ‚Königinnenroute‘, weil unsere Königin Sonja diesen Rundweg 1994 das erste Mal gewandert ist.“
Tindra staunte. „Das kann doch gar nicht sein! Arne, der Wal, hat mir erzählt, dass Schulkinder schon viel früher auf diesem Weg gewandert sind.“
„Fast richtig, Tindra,“ erklärte Hellen. „Die Schulkinder liefen früher nur den Küstenweg von Nyksund nach Stø, der etwa fünf Kilometer lang ist. Aber 1993 hatte jemand die Idee, daraus einen Rundweg zu machen.“
„Wer hatte denn diese Idee?“ fragte Tindra neugierig.
„Der DNT – das Norwegische Wanderverein, wurde von jemanden darum gebeten “ sagte Hellen. „Darauf hin ist eine Frau vom DNT von Stø nach Nyksund gewandert, aber bevor sie in Nyksund ankam, folgte sie den Spuren der Schafe über die Berge zurück nach Stø. So entstand der Rundweg. Sie markierte den Weg mit roten ‚T‘s – das Zeichen für Wanderwege in Norwegen.“
„Und was passierte dann 1994?“ fragte Tindra.
„Das Wichtige war,“ fuhr Hellen fort, „dass die Bitte für den Rundweg von niemand Geringerem als Königin Sonja selbst kam! Sie war auch die Erste, die die komplette Runde offiziell wanderte. Seitdem heißt der Weg ‚Dronningruta‘. Und die Königin kam später noch oft hierher – manchmal zum Wandern, manchmal nur, um Nyksund zu besuchen. Die Wanderrute begeisterte so viele Menschen, dass sie 2015 Wanderrude des Jahres vom norwegischen Magazin "Friluftsliv" geewählt wurde.
„Das ist ja spannend!“ rief Tindra. „Dann trete ich jetzt in die Fußstapfen der Königin!“
„Das solltest du tun,“ sagte Hellen. „Aber vergiss nicht, genug Wasser mitzunehmen. In Stø kannst du deine Flasche auffüllen, aber bis dahin sind es zehn Kilometer ohne Wasser.“
Tindra bedankte sich und zog los. Zuerst wanderte sie auf den Nyken, den stolzen Berg, der über Nyksund thront. Weiter ging es zum Mælen und dann hinauf zur Finngamheia, dem höchsten Punkt der Route. Tindra hatte schon früher gelehrnt, dass Finngamheia ein samischer BEgriff war und daruf hinwies, dass es hier früher samische Siedlungen gab. Dort, auf 448 Metern Höhe, traute sie ihren Augen kaum: Egil, der Elch, stand mitten auf dem Weg.
„Hallo Tindra!“ begrüßte er sie. „Auf Wanderschaft?“
„Ja,“ antwortete Tindra lachend. „Ich folge den Spuren der Königin.“
„Das klingt spannend. Darf ich dich begleiten?“ fragte Egil.
„Aber natürlich!“ rief Tindra.
Gemeinsam wanderten sie weiter. Der Weg führte über Hügel und Täler, hoch und wieder hinunter.
„Egil,“ fragte Tindra nach einer Weile, „warum gibt es hier so viele Birken, aber auch große Tannenwälder, die wie von Menschen gepflanzt aussehen?“
Egil nickte. „Das ist eine lange Geschichte. Nach dem Krieg brauchten die Menschen viel Holz, um neue Häuser zu bauen. Sie holzten viele Birken ab. Später merkten sie, wie wichtig Birken sind, um Lawinen zu verhindern und den Boden zu festigen. Aber da war es schon zu spät. Birken wachsen hier sehr langsam. Also pflanzten sie Tannen, weil die schneller wachsen. Jetzt, 60 Jahre später, versuchen sie, die Tannen wieder zu fällen und Birken anzupflanzen. Bis hier nur noch Birken stehen wird aber noch viel Zeit vergehn.“
„Was du alles weißt!“ staunte Tindra.
Kurz bevor sie Stø erreichten, zeigte Tindra auf einen Berg. „Egil, schau! Der sieht aus wie eine Kerze, bei der der Wachs herunterläuft.“
„Das zeigt, dass es hier früher Permafrostboden gab, ein Überbleibsel der letzten Eiszeit,“ erklärte Egil. „Permafrostböden sind Böden, die das ganze Jahr gefroren sind. Manchmal tauen sie aber auf, der Boden rutscht ab und friert dann wieder fest. Deshalb sieht es aus wie geschmolzener Wachs.“
In Stø füllte Tindra ihre Wasserflasche an einem kleinen, viereckigen See auf. „Dieser See sieht aber seltsam aus,“ bemerkte sie.
„Das ist ein Eissee,“ erklärte Egil. „Den hat man angelegt, um aus dem gefrohrenen Wasser besser Eisblöcke schneiden zu können, mit denen man die Fische beim Transport kühlte.“
„Gibt es irgendwas, was du nicht weißt?“ fragte Tindra lachend.
„Bestimmt,“ sagte Egil. „Aber was das ist, fällt mir gerade nicht ein.“
Nach einer Weile kamen sie zu einem großen Strand, wo Christoph, die Robbe, planschte.
„Hallo Christoph!“ rief Tindra. „Was machst du hier?“
„Ich tobe ein bisschen herum. Das ist meine Lieblingsbucht,“ erklärte Christoph.
„Die sieht wunderschön und Menschenleer aus,“ sagte Tindra. „Hier ist es bestimmt immer sehr ruhig.“
"Nicht ganz," sagte Christoph, "Die Menschen kommen hier gerne zum Schwimmen hin, auch wenn das Wasser nur 8 Grand hat."
„Aber auch viel früher,“ fuhr Christoph fort „lebten hier schon Menschen. Eigentlich direkt seit der letzten Eiszeit. Wenn ihr genau hinschaut, könnt ihr noch alte Ruinen entdecken. Die Menschen lebten hier über mehrere tausen Jahre. Nicht die ganze Zeit aber immer wieder haben sich hier Menschen angsiedelt. Die Schwarze Pest im 14. Jahrhundert hat dann alle Siedlungen hier an der Küst ausgelöscht. Danach wurde es ruhig hier.“
Tindra war beeindruckt. „Dieser Boden, über den wir wandern, ist wirklich voller Geschichte.“
Nach einem kurzen Plausch verabschiedeten sie sich von Christoph und wanderten weiter. Der letzte Anstieg führte sie über einen steilen Hang.
„Hier müssen wir hinüber,“ sagte Egil. „Es gibt keine Abkürzung. Die Hänge um den Berg Mælen herrum zur Trollvika hinunter sind viel zu glatt und steil um daher zu wandern.“
„Dann mal los,“ sagte Tindra. Sie kletterten den Hang hinauf, bis sie auf der anderen Seite wieder mit den Abstieg beginnen wollten.
„Hier trennt sich unser Weg,“ sagte Egil, als sie am Ende des Hangs ankamen. „Ich bleibe hier, um noch ein bisschen an den leckeren Blätter zu knabbern. Du schaffst den Rest allein, Tindra.“
„Tschüss, Egil!“ rief Tindra. „Danke für die Begleitung.“
Sie ging weiter Richtung Trollvika, wo Hellen sie erwartete.
„Na, wie war die Wanderung?“ fragte Hellen.
„Spannend!“ rief Tindra. „Ich bin auf den Spuren der Königin, der Schulkinder und sogar der Schafe gewandert. Ich bin durch uralte Ortschaften gelaufen, ohne es zu merken. Ich habe heute so viel über die Geschichte dieser Küste hier gelernt und konnte sie hautnache spühren! “
Hellen schaute verstehend. „Und bevor Du jetzt nach Hause gehst, nach diesem beschwärlichen Weg, bedenke eins, die Kinder von früher waren hier noch lange nicht am Ziel. Sie mussten, als sie hier angekommen waren, Fischer bitten, sie mit dem Boot nach Nyksund zu rudern. Eine Landverbindung, die Du jetzt benutzen kannst, gab es erst ab 1961.“
„Das ist gut, dass ich heute nicht mehr auf einen Fischer angewiesen bin, da könnte ich jetzt lange warten“ seufzte Tindra. „Ich bin doch so müde.“
Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von Hellen und machte sich auf den Weg zurück in die Holmvik Brygge. Zuhause kuschelte sie sich in ihr Nest und träumte von alten Siedlungen, Königinnen und all den Menschen die hier wären der letzten tausenden von Jahren gelebt haben. Dadurch dass sie jetzt hier wohnte war sie ein Teil von dieser Geschichte