Tindra auf den Lofoten
Tindra hatte den Entschluss gefasst, mit der Hurtigrute ein paar Stationen zu fahren. "Besuche doch einmal die Lofoten", hatte ihr Egil, der Elch, geraten. "Die Hurtigrute kann dich dorthin bringen. Dann erlebst du, wie es ist, mit ihr zu reisen, und kannst die Geheimnisse der Lofoten entdecken."
"Gute Idee!", dachte Tindra und machte sich sogleich auf den Weg. Nach einer langen Wanderung erreichte sie Sortland, wo sie eine Nacht bei Nøkk verbrachte. Der Wassergeist, der einst schroff und unnahbar gewesen war, hatte sich in den letzten Monaten verändert, und zwischen ihm und Tindra war eine freundschaftliche Beziehung entstanden. Sie unterhielten sich bis tief in die Nacht, bis Tindra am nächsten Morgen voller Vorfreude zum Hafen aufbrach.
Als die Hurtigrute im Hafen anlegte, suchte Tindra ein Versteck hinter einer Ladung Autoreifen, die mit dem Schiff nach Bergen transportiert werden sollten. Sie erinnerte sich an Kajas Erklärung, dass die Hurtigrute nicht nur Passagiere, sondern auch Waren transportierte. Perfekt, so konnte sie sich an Bord schmuggeln! Kaum hatte sie sich auf dem Panoramadeck eingerichtet, legte das Schiff ab und glitt durch den Sortlandsund in Richtung Stokmarknes.
Obwohl viele Passagiere das Hurtigrutenmuseum in Stokmarknes besuchten, entschied sich Tindra, an Bord zu bleiben. Das Museum konnte sie später noch besichtigen. Sie beobachtete, wie viele Menschen auf das Schiff kamen, nur um sich im Café zu treffen. Christoph, die Robbe, hatte ihr davon erzählt: Die Menschen in den Häfen freuen sich, wenn die Hurtigrute anlegt, verabreden sich auf einen Kaffee an Bord und gehen wieder an Land, bevor das Schiff seine Reise fortsetzt.
Auch diesmal war es soweit, und das majestätische Schiff legte ab und schob sich bald darauf durch den Rafsund. Dann ertönte eine Durchsage aus den Lautsprechern, die Tindra aufhorchen ließ: "Wir fahren jetzt in den Trollfjord." Alle Passagiere strömten an Deck, um das Schauspiel zu bestaunen. "Trollfjord? Ein Fjord der Trolle?", murmelte Tindra und beobachtete fasziniert, wie sich das riesige Schiff durch eine enge Passage zwängte, nur um direkt wieder zu wenden und seine Reise nach Svolvær fortzusetzen. Es war ein Abstecher, der sich gelohnt hatte, ein so großes Schiff in einem so engen Fjord!
Gerade als sie sich wieder auf ihrem Stuhl zurücklehnen wollte, bemerkte sie ein kleines, unscheinbares Boot, das mit rasanter Geschwindigkeit heranschoss und unter einer Luke im Schiffsrumpf verschwand. "Das war viel zu klein, um für einen Menschen gemacht zu sein!", dachte sie und beschloss, nachzusehen. Auf dem unteren Deck entdeckte sie ein winziges Eichhörnchen, das das Boot geschickt in seiner Umhängetasche verschwinden ließ.
Neugierig trat Tindra näher. "Wer bist du?", fragte sie. "Du siehst aus wie ein Eichhörnchen!"
Das Wesen drehte sich um und grinste. "Ich bin Cecilie Guidewind, eine Nachfahrin von Ratatosk."
"Ratatosk? Wer ist das?", fragte Tindra neugierig.
"Ratatosk war in der alten norwegischen Mythologie ein Eichhörnchen – mein Vorfahr. Er lebte auf Yggdrasil, dem Weltenbaum, und überbrachte Nachrichten zwischen dem Adler Vedrfolnir an der Spitze und dem Drachen Nidhöggr an den Wurzeln. Es war seine Bestimmung, diese Aufgabe zu erfüllen, und das auch seiner Nachfahren. Aber ich wollte nicht auf einem Baum wohnen, also bin ich fortgelaufen. Nun reise ich wie der Wind durch die Welt und liebe es, anderen die Schönheit meiner Entdeckungen zu zeigen. Ich bin sozusagen eine Fremdenführerin."
Tindra lachte. "Dann haben wir etwas gemeinsam. Ich bin auch weggegangen, um mein eigenes Leben zu gestalten. Aber was war das für ein Boot in deiner Tasche?"
"Oh, das ist Skidbladnir! Die Zwerge haben es vor langer, langer Zeit für die alten nordischen Götter gebaut, aber sie benutzen es nicht mehr. Also habe ich es mir 'geliehen'."
Tindra staunte. "Du bist wirklich ein faszinierendes Wesen! Aber wenn du so viel reist, kannst du mir bestimmt erklären, warum dieser Fjord Trollfjord heißt. Ich sehe hier keine Trolle."
"Aber sicher!", antwortete Cecilie. "Die steilen Berghänge wirkten auf Menschen angsteinflößend, also glaubten sie, dass hier Trolle lebten. Doch der Fjord ist eigentlich ruhig und wunderschön. Außer im Jahr 1890, als hier eine Schlacht stattfand. Damals beherrschten reiche Männer mit ihren Dampfschiffen die Fjorde und fischten den armen Fischern mit ihren kleinen Ruderbooten die Fische weg. Der Trollfjord war voll von Fisch, aber die Reichen sperrten ihn mit ihren Booten ab und ließen den kleineren Booten keinen Zugang. Doch die traditionellen Fischer kämpften sich ihren Weg in den Fjord frei. Danach wurden die Fischereigesetze geändert, sodass kleine Fischerboote bis heute dieselben Rechte wie die großen Fischkutter haben."
Tindra nickte beeindruckt. "Ein gutes Beispiel dafür, dass die Kleinen nicht immer den Großen weichen müssen!"
Cecilie strahlte. "Und weil ich die beste Fremdenführerin bin, werde ich dir die Lofoten zeigen! Skidbladnir ist schneller als die Hurtigrute. Lass uns mit meinem Boot davondüsen."
Sie packte das Boot aus, setzte es ins Wasser, und gemeinsam segelten sie entlang der Küste. Sie sahen Svolvær und Henningsvær. Cecilie erklärte, dass Henningsvær eine ähnliche Entstehungsgeschichte wie Nyksund hatte – beide Orte entstanden, weil der Staat für ihren Aufbau gezahlt hatte.
Die Tour ging weiter nach Leknes, dann besuchten sie das alte Fischerdorf Nusfjord und genossen dort Zimtschnecken in einem kleinen Kafé. In Borg hielt Cecilie an. "Die Lofoten und die Vesterålen sind die nördlichsten Gebiete, in denen sich die Wikinger niedergelassen haben. Hier in Borg kann man viel über sie lernen. Das Museum zeigt, wie das Leben damals stattfand. Du hast doch bestimmt schon viel über die Wikinger gehört?"
Tindra nickte, aber sie beschloss, sich in Zukunft noch mehr mit ihnen zu beschäftigen.
Nach einem kurzen Halt in Sund, wo sie einen Schmied bei der Arbeit beobachteten, der das alte, an der Küste übliche Handwerk perfekt beherrschte, fuhren sie weiter nach Flakstad und Ramberg, die wegen ihres strahlend weißen Strandes und der perfekten Surferwellen weltweit bekannt waren. Ein Stopp in der Flakstadkirche mit ihrem Zwiebelturmdach durfte auch nicht fehlen. Schließlich erreichten sie Å an der Südspitze der Lofoten, ein Dorf, in dem die Zeit stehengeblieben schien.
"Wir könnten noch nach Røst und Værøy fahren", schlug Cecilie vor. "Die Inseln gehören auch zu den Lofoten, sind aber nur mit einem Schiff zu erreichen. Doch dann müssten wir am Moskenesstrudel vorbei."
"Von dem habe ich schon gehört. Ist er wirklich so gefährlich?", fragte Tindra.
"Oh ja! Edgar Allan Poe schrieb 1841 eine Geschichte über ihn. Ein Fischer, der in den Strudel geriet und entkam, war in wenigen Minuten um Jahre gealtert."
Tindra schauderte. "Dann bleiben wir lieber auf sicherem Kurs!
Ja, das ist vielleicht besser so, antwortete Cecilie. Weisst Du, dass es vor hunderten von Jahren noch eine weitere Insel hier gegeben hat. Bis heute gibt es zwar keine richtigen Beweise dafür, aber sehr viele Geschichte.
Geschichten um eine Verschollene insel? Die musst Du mir erzählen:
„Utrøst, so heisst die Insel war einst eine wundersame Insel. Sie war unglaublich fruchtbar. Alles, was man sich nur vorstellen konnte, wuchs dort in Hülle und Fülle. Es gab dichte Wälder, riesige Blumenwiesen und genug Nahrung für alle. Dort lebte ein glücklicher König mit seinen zwei Söhnen. Diese Söhne waren besonders, denn sie besaßen magische Kräfte und konnten sich in Kormorane verwandeln.“
Tindra riss die Augen auf. „Zauberkräfte? Und sie konnten fliegen? Wie wunderbar!“
Cecilie nickte. „Ja, sie liebten es, über das Meer zu gleiten und die Wellen aus der Luft zu beobachten. Doch dann geschah eines Tages etwas Unfassbares, die gesamte Insel verschwand spurlos.“
Tindra runzelte die Stirn. „Aber wie kann eine ganze Insel einfach verschwinden?“
Cecilie zuckte mit den Schultern. „Niemand weiß es genau. Manche glauben, eine riesige Flut habe sie verschlungen. Andere sagen, dass alte Magie im Spiel war, die die Insel versteckt oder versinken ließ. Aber was wirklich geschah, bleibt ein Rätsel.“
Tindra spürte ein Kribbeln in ihren Fingern. „Das ist ja unheimlich … und traurig. Was ist mit den beiden Söhnen des Königs passiert?“
Cecilie lächelte geheimnisvoll. „Seit diesem Tag geschieht etwas Merkwürdiges: Immer wenn Fischer in Seenot geraten, tauchen plötzlich zwei Kormorane auf und helfen ihnen. Sie fliegen dicht über die Boote, zeigen den Weg ans sichere Ufer oder rufen nach Hilfe. Viele glauben, dass es die Söhne des Königs sind, die noch immer über das Meer wachen.“
Tindra legte nachdenklich den Kopf schief. „Also gibt es sie noch? Irgendwie?“
Cecilie nickte. „Warscheinlich. Und die Menschen auf den Lofoten wissen um diese Legende. Der Schmied in Sund, den wir heute besucht haben, schmiedet leidenschaftlich gerne Kormorane als Erinnerung an die beiden Brüder. Auch überall auf den Lofoten findet man Bilder und Schnitzereien von Kormoranen, weil die Menschen glauben, dass zwei von ihnen die Königskinder sind, immer bereit, in der Not zu helfen.“
Tindra lächelte. „Das ist eine wunderschöne Geschichte. Ich werde in Zukunft mit ganz anderen Augen auf Kormorane schauen.“
Cecilie zwinkerte. „Und vergiss nicht: Wenn du Kormorane am Wasser sitzen siehst und sie ihr Gefieder trocknen, dann bringt das Glück.“
Ich werde mich jetzt jedes mal dran erinnern, wenn ich Kormurane sehe. Danke, Cecilie, dass Du mir diese Geschichte erzählt hast. Aber jetzt lass uns weiter reisen, wie wäre es mit einem Abstecher nach Reine?"
Cecilie nickte. "Und wir besteigen den Reinebringen! Er ist nur 448 Meter hoch, aber seine Aussicht ist atemberaubend."
Nachdem sie den Panoramablick genossen hatten, segelten sie nordwärts. "Ist dir aufgefallen, dass die meisten Fischerorte hier an der Ostküste liegen, während sie auf den Vesterålen an der Westküste sind?" fragte Tindra.
"Ja! Das ist eine der Besonderheiten der Lofoten. Außerdem sind die Berge hier spitzer als auf den Vesterålen, weil hier während der letzten Eiszeit weniger Eis lag. Der Golfstrom sorgte für ein milderes Klima, während das Eis auf den Vesterålen und anderen Teilen des norwegischen Gebirges die Gipfel abgeschliffen hat. Heute kommen Menschen von überall her um die Berge der Lofoten und Vesteråln zu besteigen."
"Ich liebe Bergwandern!" rief Tindra begeistert.
"Dann habe ich einen besonderen Berg für dich: Higravtinden, der höchste Berg der Lofoten mit 1.146 Metern! Aber dazu müssen wir wieder in den Norden der Lofoten und bis zum Ende des Austnesfjords fahren. Hier werden wir in Laupstad Halt machen."
"Laupstad. Ein Interessanter Name. Was bedeutet er ?" fragte Tindra.
"Laupstad stammt von 'hlaup' und 'stad' und bedeutet Überlandtransport. Die Wikinger trugen hier ihre Boote von einem Fjord zum anderen. Und das werden wir heute auch tun!" Hier am ende des Austnesfjords sind es nur ein paar hundert Meter bis der Sløverfjord vom Norden her kommt. Auf halbem Weg zwischen den zwei Fjorden am Fuße des Higravtinden lebt eine Freundin von mir: Jacqueline, die Silberschmiedin. Sie ist eine Fee aus dem Süden und wohnt hier zusammen mit ihrem Hauself Mirco. Bei ihr können wir unser Gepäck lassen, während wir den Higravtinden besteigen. Wenn wir zurückkommen, erwartet sie uns sicher mit einem leckeren Essen. Elfen und Feen können gar nicht anders, als gastfreundlich zu sein."
Gesagt, getan. Jacqueline und Mirco freuten sich über den Besuch. Jacqueline ließ ihre Silberschmiede hinter sich und ging direkt in die Küche, um zu kochen, während Tindra und Cecilie den Higravtinden erklommen. Aus dem Haus hörten sie Mirco irgendwo hämmern.
Die Aussicht vom Gipfel war atemberaubend, und sie verweilten eine Weile, bevor sie sich wieder auf den Weg ins Tal machten. Nach einem guten Mahl und dem Austausch der neuesten Neuigkeiten verabschiedeten sich Tindra und Cecilie und zogen weiter. Am Sløverfjord setzten sie das Boot wieder ins Wasser, und Cecilie segelte Tindra hinüber zu den Vesterålen.
"Übrigens," sagte Cecilie, "auch wenn es kaum jemand weiß, sind wir bereits auf den Vesterålen, auch ohne das Schiff genommen zu haben. Die Lofoten sind hauptsächlich im Osten besiedelt. Das hattes Du ja schon festgestellt. Die alten Fischerleute mussten zum Landesinneren über das Gebirge wandern. Deshalb wurde die Nordspitze der Inselgruppe von den Vesterålen aus verwaltet, da die Fischer von den Vesterålen leichter mit ihren Booten hier hinkamen. Ab Laupstad sind wir also bereits auf den Vesterålen."
"Aber jetzt setzen wir nach Melbu über, wo du an Land gehen kannst."
"Soll ich dich nicht bis nach Nyksund segeln?" fragte Cecilie.
"Nein," antwortete Tindra. "Wenn ich schon einmal hier bin, will ich mir die Vesterålen genauer ansehen. Danke für alles, was du mir heute gezeigt hast. Es war unglaublich spannend! Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder."
"Das hoffe ich auch!" sagte Cecilie mit einem Lächeln.
Auf der anderen Seite angekommen, entdeckten Cecilie und Tindra zwei kleine Gestalten mit einem Karren, der von einem winzigen Hund gezogen wurde. Als das Boot direkt vor ihnen anlegte, drehten sich die beiden um und betrachteten die Neuankömmlinge neugierig.
"Ein Eichhörnchen und ein Troll? Was für eine merkwürdige Reisegesellschaft!" murmelte eine der Gestalten amüsiert.
"Hallo, wir sind Cecilie, die Nachfahrin von Ratatosk, und Tindra aus dem Tal der Trolle, aber ich wohne in Nyksund."
"Wir sind Susanne und Thomas," stellte sich eine der kleinen Gestalten vor. "Wir sind Tusser und zufällig auch auf dem Weg nach Nyksund. Du kannst uns begleiten! Aber für heute machen wir Rast in diesem riesigen Metalltank hier, der Royal Neptun Hall. Hier werden wir übernachten."
"Na dann viel Spaß zusammen!" sagte Cecilie Guidewind lachend. Mit diesen Worten packte sie geschwind ihr Boot aus und segelte schneller als der Wind zurück zu den Lofoten. "Sie macht ihrem Namen wirklich alle Ehre," dachte Tindra schmunzelnd.
"Und jetzt will ich gerne von euch erfahren, warum ihr nach Nyksund unterwegs seid!" sagte sie neugierig.
"Das erzählen wir dir," sagte Susanne, "aber erst morgen. Es ist spät, lass uns schlafen gehen. Herman, unser Kutschenhund, ist auch schon ganz müde."
Jetzt erst merkte Tindra, wie erschöpft sie war. Sie suchte sich eine kleine Nische in der Royal Neptun Hall und legte sich schlafen. In ihren Träumen sah sie sich erneut durch die Lofoten wandern, über die Berge klettern und an den weißen Stränden entlanglaufen. Doch morgen wartete ein neues Abenteuer auf sie. Mit diesem Gedanken fiel sie schließlich ins Land der Träume.'