Tindra die Bäckerin

15
19.01.25
15:08
Ssemjon Gerlitz

 

Tindra und das Geheimnis von Ingeborgs Mehl
Tindra wurde von einem köstlichen Duft geweckt, der durch die Wände der Holmvik Brygge zog. Es roch nach frischem Brot, warm und würzig. Neugierig wie immer, schlüpfte Tindra aus ihrem kleinen Versteck und huschte die Treppe hinunter ins Restaurant. Dort versteckte sie sich hinter einem Stapel Töpfe in der Küche und lugte hervor.

Ssemjon stand am großen Backtisch und arbeitete konzentriert. Vor ihm lag ein großer Laib Brot mit einer wunderbar goldenen Kruste. Neben ihm stand eine kleine Schüssel mit etwas, das seltsam aussah – wie ein lebender Brei, der kleine Blasen warf.

„Was ist das?“ flüsterte Tindra für sich.

Gerade in diesem Moment sprach Ssemjon leise zu sich selbst: „Charlotte, du hast wieder ganze Arbeit geleistet.“ Er hob die Schüssel vorsichtig an. „Unser Sauerteig ist wirklich etwas Besonderes.“

Tindra staunte. Charlotte? Wer war denn das? War sie etwa in der Küche? Doch es war niemand da, außer Ssemjon und dem Brot. Als Ssemjon kurz den Raum verließ, wagte Tindra sich näher heran und schnupperte an der Schüssel. Es roch leicht säuerlich und zugleich angenehm nach frischem Teig.

Als Ssemjon zurückkam, rief er plötzlich: „Tindra! Ich weiß, dass du dich hier versteckst. Komm doch raus, ich erzähle dir, was ich mache.“

Zögerlich trat Tindra hervor und fragte neugierig: „Wer ist Charlotte? Und warum riecht dieses Brot so besonders?“

Ssemjon lachte. „Charlotte ist keine Person, sondern mein Sauerteig! Vor vielen Jahren habe ich ihn zusammen mit einer Freundin namens Charlotte ins Leben gerufen. Ein Sauerteig ist etwas Lebendiges, Tindra. Man muss ihn pflegen, füttern und hegen, damit er Brot wie dieses hervorbringt. Deshalb nenne ich dieses Brot auch ‚Charlotte‘ und ich benutze nur bestes ökologisches Mehl dazu welches ich mir speziell für mein Restaurant anliefern lasse.“

„Das ist ja spannend!“ rief Tindra. „Ich wünschte, ich könnte auch so gut backen.“

 
Später an diesem Tag beschloss Tindra, ihre Freundin Hellen, die Huldra, zu besuchen. Hellen war ein naturverbundenes Wesen und bekannt für ihre himmlischen Zimtschnecken. Vielleicht konnte sie Tindra beibringen, wie man backt.

„Oh, Tindra,“ sagte Hellen mit einem warmen Lächeln, als sie die kleine Trollin hereinkommen sah. „Du willst also das Backen lernen? Das ist eine wunderbare Idee. Früher hatte Nyksund sogar eine eigene Bäckerei!“

„Eine Bäckerei?“ fragte Tindra erstaunt.

„Ja,“ sagte Hellen. „Direkt hinter der Schmiede. Sie war drei Stockwerke hoch, und es wurde so viel Brot gebacken, dass sogar die Hurtigrute mit Brot aus Nyksund beliefert wurde.“

„Das klingt unglaublich!“ sagte Tindra. „Aber woher kam damals das Mehl? Heute kann man es überall kaufen, aber früher?“

„Das ist eine spannende Geschichte,“ antwortete Hellen. „Ich erzähle sie dir. Sie handelt von einer besonderen Frau namens Ingeborg.“

„Vor etwa 400 Jahren,“ begann Hellen, „lebte eine Frau namens Ingeborg Mikkelsdatter. Sie war mit einem Pfarrer hier in Øksnes verheiratet, das glaubt man zumindestens. Ingeborg war eine kluge Frau und bemerkte, dass viele Menschen hier oben im Norden sehr arm waren. Das Meer gab zwar Fische, aber Mehl war ein Luxus, den sich viele nicht leisten konnten. Damals wie heute konnte man hier im hohen Norden kaum Getreide anbauen, weil es zu kalt war und der Sommer zu kurz.“

„Aber was hat Ingeborg getan?“ fragte Tindra neugierig.

„Bevor Ingeborg starb, entschied sie, ihr gesamtes Vermögen für die Armen von Øksnes zu spenden,“ erklärte Hellen. „Sie hinterließ 500 Reichstaler an die Domkirche in Bergen. Damit war aber eine Bedingung verknüpft. Die Bedingung war, dass jedes Jahr eine halbe Last Mehl (ungefähr 620 Kilogramm) an die Armen in Øksnes geschickt werden musste.“ Zu der Zeit wurden alle Waren über Berge gehandelt und die Stadt hatte mehr als genug Mehl.

„Das ist ja großartig!“ rief Tindra.

„Ja,“ sagte Hellen. „Der Vertrag  wurde 1621 geschlossen, und bis heute bekommen die Menschen in Øksnes jedes Jahr zu Weihnachten Mehl. Es ist einer der ältesten Verträge in ganz Norwegen.“

„Aber wie kann das sein? Das Geld ist doch bestimmt längst aufgebraucht,“ fragte Tindra.

„Das stimmt,“ sagte Hellen. „Aber vor über 150 Jahren entschied der Oberste Gerichtshof, dass die Tradition fortgesetzt werden muss, solange es Bedürftige in Øksnes gibt. So steht es auch in dem Vertrag. Heute wird das Mehl von einer Mühle in Bergen geliefert, und das Sozialamt verteilt es hier in der Gemeinde.“

Tindra war sprachlos. „Eine Frau, die vor 400 Jahren lebte, sorgt also noch heute dafür, dass arme Menschen etwas zu essen haben?“

„Genau so ist es,“ sagte Hellen. „Ingeborgs Legat, so nennt man diesen Vertrag, zeigt, wie eine gute Tat die Welt über Jahrhunderte verändern kann.“


Tindra war tief beeindruckt. „Ingeborg war wirklich eine besondere Frau. Ich hätte sie gerne getroffen.“

„Das hätten wir wohl alle,“ sagte Hellen. „Aber jetzt ist es an uns, ihren Geist am Leben zu erhalten indem wir teilen und füreinander da sind.“

Tindra nickte. „Weißt du, Hellen, ich werde mein Bestes tun, um so gut zu backen wie Ssemjon. Und vielleicht werde ich eines Tages berühmt als die Trollbäckerin von Nyksund! Aber bevor ich anfange, werde ich an Ingeborg denken und daran, wie wichtig es ist, anderen zu helfen.“

Mit einem Lächeln auf den Lippen verabschiedete sich Tindra und machte sich auf den Weg zurück zur Holmvik Brygge. Sie wusste, dass sie noch viel zu lernen hatte – über das Backen, über die Welt und darüber, wie man ein gutes Herz bewahrt.