Tindra bei den Rentieren
Der Winter hatte Nyksund fest im Griff. Der Schnee lag dick auf den Häusern, und die Eiszapfen an den Dächern glitzerten im kalten Licht der kurzen Tage. Tindra liebte den Winter, doch heute war ihr ein wenig langweilig. Sie dachte an ihre Reise durch die Berge zurück und an diesen seltsammen Nøkk, den sie an einem See auf der Insel Hinøya getroffen hatte. „Ich besuche ihn einfach noch einmal,“ beschloss sie. „Vielleicht hat er heute Zeit und Lust für ein kleines Gespräch.“
Tindra packte sich warm ein, setzte ihren Blumenkranz fest auf und machte sich auf den Weg. Schnell wie eine Maus huschte sie über die verschneiten Pfade und erreichte schließlich den See, an dem Nøkk lebte. Doch zu ihrem Erstaunen war der See komplett zugefroren. Kein Wasser plätscherte, und von Nøkk war weit und breit nichts zu sehen. Tindra klopfte vorsichtig auf das dicke Eis, aber es blieb still.
„Hm,“ murmelte sie. „Vielleicht hält Nøkk Winterschlaf? Das hätte ich mir ja auch denken können!“
Gerade als Tindra sich umdrehen wollte, hörte sie ein leises Schnaufen hinter sich. Sie drehte sich um und sah ein Tier, das sie an ihren Freund Egil, den Elch, erinnerte. Doch etwas war anders. Dieses Tier hatte ein kleineres Geweih und ein weicheres Fell, das im Licht des Tages fast silbrig schimmerte.
„Hallo,“ rief Tindra fröhlich. „Wer bist du? Du siehst ein bisschen aus wie Egil, aber du bist nicht Egil.“
Das Tier blickte sie neugierig an. „Ich bin Ragna, ein Rentier,“ sagte es freundlich. „Und wer bist du, kleines Wesen?“
„Ich bin Tindra, ein Trollmädchen,“ antwortete sie stolz. „Was machst du hier allein im Winter?“
„Ich bin nicht allein,“ sagte Ragna und deutete mit ihrem Kopf hinter sich. Da bemerkte Tindra eine ganze Herde von Rentieren, die sich im Schnee bewegten. „Wir bleiben immer in der Gruppe,“ erklärte Ragna. „Rentiere lieben es, zusammen zu sein.“
Ragna erklärt die Geheimnisse der Rentiere
Tindra lief neben Ragna her, während sie weiter über die verschneiten Hügel stapften. „Ihr habt aber ein wunderschönes Fell,“ sagte Tindra bewundernd. „Wie schafft ihr es, bei dieser Kälte nicht zu frieren?“
Ragna lächelte. „Unsere Haare sind etwas Besonderes. Sie sind hohl und mit Luft gefüllt. Das hält uns warm, selbst wenn es minus 40 Grad kalt ist.“
Tindra staunte. „Das ist ja wie eine eingebaute Winterjacke!“
„Genau,“ sagte Ragna. „Und es hilft uns auch beim Schwimmen. Wenn wir durch Flüsse oder Seen müssen, wirkt unser Fell wie eine Schwimmweste. So können wir sicher ans andere Ufer kommen.“
„Das ist ja unglaublich!“ rief Tindra. „Aber woher bekommt ihr eigentlich euer Essen, wenn alles von Schnee bedeckt ist?“
„Rentiere haben eine sehr feine Nase,“ erklärte Ragna stolz. „Wir können Gras und Flechten durch bis zu 1,5 Meter Schnee riechen. Und wenn wir etwas gefunden haben, spreizen wir unsere Vorderhufe wie eine Schaufel und graben danach.“
„Das klingt wirklich clever,“ sagte Tindra beeindruckt. „Aber was ist mit den jüngeren Rentieren? Können die das auch?“
Ragna schüttelte den Kopf. „Die sind noch zu klein und schwach, um tief zu graben. Früher sind wir deshalb im Frühling mit den Jungen an die norwegische Küste gezogen. Dort gibt es dann schon etwas zu fressen. Aber heute bleiben wir das ganze Jahr über hier.“
„Das ist ja spannend,“ sagte Tindra. „Aber wieso bleibt ihr jetzt hier und reist nicht mehr?“
„Das hat mit den Menschen zu tun,“ erklärte Ragna. „Wir gehören immer zu einer samischen Familie. Die Samen sind die ersten Bewohner dieser Region und leben sehr naturverbunden. Früher sind sie mit uns im Winter in die Berge Schwedens gezogen und im Frühling an die Küste Norwegens. Doch die Länder wollten nicht, dass sie hin und her reisen. Sie sollten sich für ein Land entscheiden. Deshalb sind viele Samen in Norwegen geblieben – und wir mit ihnen.“
„Die Samen?“ fragte Tindra neugierig. „Wer sind die Samen?“
„Sie sind ein eigenes Volk mit einem eigenen Land das sie Sapmi nennen. Heute Umfasst das Land die nördlichen Teil von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland aber Du wirst es auf keiner Karte finden, da es nicht als offizielles Land anerkannt ist. Die Samen die in Norwegen leben haben deshalb einen Norwegischen Pass und sind somit auch Norweger“ erklärte Ragna. „Heute leben viele Samen wie die Norweger in Häusern und arbeiten in Städten. Aber einige, wie unsere Familie, kümmern sich immer noch um uns Rentiere.“
Tindra fand die Geschichte der Rentiere und der Samen faszinierend. Sie lief noch eine Weile mit der Herde und genoss die Gesellschaft der Tiere. „Ihr seid wirklich besondere Wesen,“ sagte sie zu Ragna. „Es freut mich, dass ich euch heute getroffen habe.“
„Und uns freut es, dich kennenzulernen, Tindra,“ antwortete Ragna. „Komm uns doch wieder besuchen, wenn du magst. Wir sind immer hier, zusammen in unserer Herde.“
„Das werde ich,“ versprach Tindra. Sie verabschiedete sich von Ragna und der Herde und machte sich auf den Heimweg. Der Winter fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so kalt an, denn Tindra hatte wieder einen neuen Freund gefunden – und sie wusste, dass sie in den Rentieren eine ganz besondere Nachbarschaft entdeckt hatte.