Die Geschichte von Nyksund
Es war ein kalter, aber klarer Wintertag in Nyksund, und Tindra lief neugierig durch die kleinen Gassen des verlassenen Fischerdorfs. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, während sie an den alten, bunten Holzhäusern vorbeikam. Sie blieb vor einem besonders schiefen Haus stehen, dessen Fensterläden im Wind klapperten.
„Wer hat diese Häuser wohl gebaut?“ fragte sie sich laut. „Und wie war es hier, als noch Menschen lebten?“
Tindra liebte Geschichten, doch diese blieb ein Rätsel. Ihre tierischen Freunde hatten auch keine Antworten. Weder Otta, der Otter, noch Egil, der Elch, wussten etwas über die Vergangenheit von Nyksund. Alle waren erst hierhergekommen, nachdem der Ort schon verlassen war.
„Vielleicht weiß der alte Wal etwas!“ dachte Tindra plötzlich und strahlte. Sie zog ihren warmen Mantel an, schnappte sich ihr kleines Boot und ruderte hinaus aufs Meer. Die Wellen schaukelten sie sanft hin und her, während sie Ausschau hielt. Schließlich sah sie eine vertraute Wasserfontäne in der Ferne.
„Arne!“ rief sie. „Arne, der Pottwal! Ich brauche deine Hilfe!“
Der Wal tauchte langsam aus dem Wasser auf, sein riesiger Kopf glänzte im Licht der ersten Wintersonne. „Tindra,“ brummte er freundlich. „Was führt dich heute zu mir?“
„Ich will wissen, wer Nyksund gebaut hat und warum es heute so leer ist,“ erklärte Tindra. „Du bist so alt und weise – weißt du etwas darüber?“
Arne lachte tief. „Alt bin ich tatsächlich, kleine Tindra. Und ja, ich kenne die Geschichte von Nyksund sehr gut. Meine Mutter hat mir viel erzählt, und ich habe auch noch selbst miterlebt, wie Menschen dort lebten. Setz dich, ich erzähle dir alles.“
„Vor langer, langer Zeit,“ begann Arne, „lebten hier die Wikinger. Die Vesterålen, wo Nyksund liegt, war das nördlichste Gebiet, das sie besiedelten. Direkt vor Nyksund, bauten sie eines ihrer größten Langhäuser. Sie waren hier, weil das Meer voller Fische war – ein wahrer Schatz für die Wikinger.“
„Die Wikinger!“ staunte Tindra. „Das klingt aufregend!“
„Das war es,“ bestätigte Arne. „Aber vor ungefähr 1000 Jahren änderte sich alles. Norwegen wurde christianisiert, und das Wikingerleben veränderte sich. Die Menschen lebten in Dörfern zusammen, fischten und trieben Handel. Das ging viel Jahre so. Zwischen 1850 und 1960, begann abermals eine neue Ära. Diese Zeitepoche nennen wir die Fischbauerzeit. Die Männer fuhren zum Fischen hinaus, während die Frauen den Hof bestellten und dafür sorgten, dass es immer etwas zu essen gab. Dadurch das es auf See dunkel war, zündetet die Fraue Kerzen in den Fenstern an um den Männern die Richtung zu weien. Und auch heute noch brennen an der norwegischen Küste im Winrer in fast alles Fenster lichter. Das ist eine Tradition aus dieser Zeit.
„Und wann kamen die Menschen nach Nyksund?“ fragte Tindra gespannt.
„Ah,“ sagte Arne. „Das Meer vor Nyksund ist sehr fischreich, doch die starken Stürme und Wellen hielten die Menschen lange davon ab, sich hier niederzulassen. Doch dann beschloss der Staat, den Ort aufzubauen. Fünf Familien bekamen Unterstützung um sich hier anzusiedeln. Mit der Zeit und der Unterstützung vom Staat, wuchs Nyksund. Bis zu 150 Menschen lebten hier, und während der Fischsaison kamen bis zu 2000 Wanderfischer hinzu. Nyksund wurde einer der reichsten Orte in Nordnorwegen.“
„Dann hatten die Menschen hier ein sorgenfreies Leben?“ fragte Tindra.
„Nicht ganz, es gab auch Rückschläge für die Menschen hier. Einer begann an einem frühen Sonntag Morgen 1932 als die Menschen grade von dem Gottesdienst von der Insel Skogsøya zurück ruderten,“ erklärte Arne mit ernster Stimme. „Ein großes Feuer zerstörte fast den ganzen Ort. All die Häuser auf der grösseren Insel brannten nieder und auch der Holzkei der am Hafen entlang ging. Doch der Staat versprach, beim Wiederaufbau zu helfen. Die Menschen mussten aber nun die erste Etage ihre Häuser aus Stein bauen, und ein Mann namens Randolf Rødsand, der grade aus Texas in Amerika zurückkehrte, brachte ihnen bei, wie man Betongsteine herstellt. So entstand das neue Nyksund. Diese Häuser hier wirst Du nirgendwo anders sehen können“
Tindra kicherte. „Das klingt ja, als hätte Nyksund einen Hauch von Amerika abbekommen!“
„Genau,“ lachte Arne. „Die Besitzer der Holmvik Brygge, die nicht abgebrannt ist, wollten auch etwas Amerika gefühl haben und setzten eine falsche Fassade vor ihr Haus, damit es wie ein Western-Saloon aussah.“
„Gab es eigentlich Kinder in Nyksund? Und wenn ja, wo sind sie zur Schule gegangen?“ Fragte Tindra Arne
„Natürlich gab es Kinder,“ antwortete Arne und gähnte. „Nyksund war ein richtiger Ort mit Familien, und Kinder gehörten dazu. Sie haben hier gespielt, sind herumgelaufen und haben beim Trocknen der Fische geholfen.“
„Und was ist mit der Schule?“ hakte Tindra nach.
„Ach, das war ein bisschen kompliziert,“ sagte der Wal. „Für die kleineren Kinder gab es hier in Nyksund eine kleine Schule. Sie mussten nicht weit gehen, nur ein paar Häuser weiter. Aber die älteren Kinder hatten es schwerer. Sie mussten bis nach Stø laufen.“
„Nach Stø?“ fragte Tindra erstaunt. „Das ist doch ziemlich weit!“
„Ja,“ sagte Arne „Etwa drei Stunden zu Fuß, und das jede Woche. Sie gingen am Sonntagabend los und blieben bis Freitag in der Schule in Stø. Erst am Wochenende kamen sie wieder zurück nach Nyksund.“
Tindra staunte. „Das muss aber anstrengend gewesen sein!“
„Das war es bestimmt,“ meinte Arne. „Aber die Kinder waren zäh. Sie waren an das raue Leben hier gewohnt. Und stell dir vor: Manchmal mussten sie sogar durch Regen, Schnee und Sturm laufen, nur um zur Schule zu kommen.“
„In den 1960er Jahren änderte sich aber alles,“ fuhr Arne fort. „Der Staat wollte nicht länger Geld in so viele kleine Orte investieren. Die Menschen sollten nach Myre ziehen, wo es einen größeren Hafen für die immer größer werdenden Fischerboote gab. Nyksund konnte diese Boote gar nicht mehr aufnehmen. Es lagen jetzt schon so viele Boot im Hafen dass man von der einen Insel die andere Insel nur über das klettern über diese Boote erreichen konnte. Nach und nach verließen alle Nyksund, und der Ort wurde still.“
„Und dann?“ fragte Tindra neugierig. „Blieb Nyksund für immer leer?“
„Nicht ganz,“ sagte Arne. „In den 1970er Jahren kamen deutsche Studenten, die den Ort entdeckten. Sie begannen, an Projekten zu arbeiten, bauten ein Windrad, entwarfen eine solarbetriebene Dusche und kümmerten sich um die verlassenen Häuser. Doch irgendwann gingen auch sie wieder. Bis auf einen Mann: Karl Heinz. Er liebte Nyksund und wollte es wieder aufbauen.“
„Das ist ja toll!“ rief Tindra. „Hat er es geschafft?“
„Ja,“ brummte Arne zufrieden. „1997 traf Karl Heinz auf Ssemjon, und gemeinsam begannen sie, die Holmvik Brygge zu restaurieren. Anfangs waren die Behörden skeptisch, doch dann erkannten sie, wie wichtig es war, die Geschichte der Fischerdörfer zu bewahren. Heute kommen Menschen aus der ganzen Welt nach Nyksund, um zu sehen, wie das Leben hier früher war.“
Tindra war begeistert. „Das ist eine wundervolle Geschichte, Arne. Danke, dass du sie mir erzählt hast.“
„Gern geschehen, kleine Tindra,“ sagte der Wal. „Vergiss nie, wie wichtig es ist, die Geschichten der Vergangenheit zu bewahren. Sie machen uns aus, egal ob Troll, Mensch oder Wal.“
Tindra nickte. „Das werde ich nie vergessen.“ Sie ruderte zurück nach Nyksund, wo sie sich fest vornahm, noch mehr über die Geschichte des kleinen Ortes zu lernen – und sie mit all ihren Freunden zu teilen.