Tindra und die Dreizehenmöwe
Eines Frühlingsmorgens wurde Tindra unsanft aus ihrem Schlaf geweckt. Ein ohrenbetäubendes Gekreische drang durch die Wände der Holmvik Brygge. Tindra rieb sich die Augen und blinzelte verschlafen. „Was ist das für ein Krach?“ murmelte sie. Sie schlüpfte aus ihrem kleinen Versteck zwischen den Wänden, kletterte vorsichtig durch eine winzige Tür und lugte hinaus.
Draußen schwirrten und kreischten Dutzende Möwen durch die Luft. Sie flatterten von Dach zu Dach, landeten auf Fensterbänken und unterhielten sich lautstark. „Das klingt ja wie ein Marktplatz!“ dachte Tindra. Neugierig lief sie los, um herauszufinden, was los war.
Am alten Steg traf sie Otta, den Otter, der ebenfalls verwundert nach oben schaute. „Was ist denn hier los?“ fragte Tindra.
„Ach, das sind die Dreizehenmöwen,“ erklärte Otta. „Sie kommen jeden Frühling nach Nyksund, um hier zu nisten. Den ganzen Winter über leben sie auf dem offenen Meer – manchmal fliegen sie bis zu den Azoren oder sogar ins Mittelmeer. Aber im Frühjahr kehren sie immer an Land zurück.“
„Warum sind sie so laut?“ fragte Tindra.
Otta lachte. „Möwen haben sich immer etwas zu erzählen. Das Gekreische, das du hörst, sind ihre Unterhaltungen. Wenn eine Möwe anfängt, eine Geschichte zu erzählen, haben die anderen immer etwas hinzuzufügen. Sie lieben es, sich gegenseitig zu übertrumpfen.“
Tindra schüttelte den Kopf. „Das klingt anstrengend. Aber sie sehen wirklich hübsch aus.“ Sie betrachtete die Dreizehenmöwen, die mit ihren weißen Körpern, grauen Flügeln und schwarzen Flügelspitzen durch die Luft segelten.
Plötzlich landete eine junge Möwe direkt vor Tindra. Sie sah ein wenig unbeholfen aus und stolperte fast über ihre eigenen Füße. „Hallo,“ sagte die Möwe schüchtern. „Ich bin Kaja. Und wer bist du?“
„Ich bin Tindra,“ sagte Tindra freundlich. „Bist du neu hier?“
Kaja nickte. „Ja, das ist das erste Mal, dass ich zurück nach Nyksund komme. Ich bin letzten Sommer geboren worden und habe den Winter auf dem offenen Meer verbracht. Es war aufregend, aber auch ganz schön anstrengend.“
„Wie schön, dass du wieder hier bist,“ sagte Tindra. „Erzähl mir mehr über euch Dreizehenmöwen. Ihr seid so interessant!“
„Nun,“ begann Kaja, „wir Dreizehenmöwen brauchen steile Klippen, um unsere Nester zu bauen. Aber es gibt immer weniger davon. Deshalb suchen wir uns manchmal Fensterbänke und andere seltsame Orte aus – aber die Menschen mögen das nicht besonders.“
„Das kann ich mir vorstellen,“ sagte Tindra. „Was machen die Menschen dagegen?“
„Hier in Nyksund haben sie etwas Besonderes gebaut,“ erklärte Kaja stolz. „Ein Möwenhotel! Es ist wie ein großes Vogelhaus mit vielen kleinen Plätzen, wo wir nisten können. Das ist wirklich nett von ihnen.“
Tindra nickte begeistert. „Das klingt nach einer großartigen Idee. Und was macht euch Dreizehenmöwen so besonders?“
„Nun,“ sagte Kaja, „wir sind nicht nur wunderschön, sondern auch ziemlich selten. Es gibt nur noch wenige von uns, deshalb sind wir geschützt. Außerdem lieben wir die Nähe zu Menschen – besonders zu den Fischern. Bei denen gibt es immer etwas zu fressen!“
„Weißt du,“ fuhr Kaja fort, „die Samen, das uralte Volk hier im Norden, haben eine besondere Verbindung zu uns. Sie glauben, dass wir aus dem Gischt der Wellen entstanden sind, als Teil des Meeres. Wenn du nett zu uns bist, zeigen wir dir, wo es gute Fischgründe gibt. Aber dafür musst du den gefangenen Fisch auch mit uns teilen.“
Tindra lächelte. „Die Samen scheinen ein faszinierendes Volk zu sein. Ich habe schon vom Rentier Ragna gehört, dass sie sehr naturverbunden sind. Und jetzt höre ich, dass sie euch auch schätzen. Das gefällt mir!“
Die Sonne begann langsam über den Bergen zu klettern, und das Licht ließ die bunten Häuser von Nyksund leuchten. Kaja breitete ihre Flügel aus. „Ich muss weiter,“ sagte sie. „Meine Familie wartet auf mich. Aber wenn du möchtest, kann ich dir zeigen, wo unser Möwenhotel steht.“
„Das würde ich gerne sehen!“ rief Tindra aufgeregt. Sie folgte Kaja, die sie zu einer großen langen Wand mit vielen hölzernen Kästen führte. „Das ist ja fantastisch!“ sagte Tindra. „Es sieht aus wie ein kleines Dorf nur für euch.“
Kaja nickte. „Es ist wirklich ein schöner Ort. Und jetzt muss ich los – es gibt so viel zu tun!“
„Danke, dass du mir so viel über euch erzählt hast,“ sagte Tindra. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“
„Bestimmt,“ rief Kaja, während sie mit kräftigen Flügelschlägen in den Himmel aufstieg. Tindra winkte ihr nach und machte sich dann zurück auf den Weg zur Holmvik Brygge, wo sie noch lange über die spannenden Geschichten der Dreizehenmöwen nachdachte.