Tindra kommt nach Nyksund
Tindra war erschöpft. Sie hatte eine lange Reise hinter sich, die sie vom fernen Jotunheimen bis in den hohen Norden Norwegens geführt hatte. Immer entlang des Gebirges, das die Menschen „die Skanden“ nennen. Dieses uralte Gebirge, eines der ältesten der Welt, hatte ihr nicht nur Schutz vor der Sonne geboten, sondern sie auch mit atemberaubenden Ausblicken und geheimnisvollen Begegnungen verzaubert.
Unterwegs hatte Tindra viele spannende Wesen getroffen. Sie plauderte mit freundlichen Nissen, lernte das Huldrefolk kennen, das tief unter der Erde lebt, und hörte den Fossegrimen, der auf seiner Violine spielte, während das Wasser eines Wasserfalls tanzte. Doch jetzt, nachdem sie so weit gekommen war, war sie auf der Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben konnte.
Eines Abends kam Tindra auf eine riesige Insel, die Hinøya hieß. Sie war müde und suchte einen Platz zum Ausruhen. An einem kleinen See entdeckte sie ein wunderschönes Pferd, das ruhig graste. Sie lächelte und trat näher. Doch plötzlich hob das Pferd seinen Kopf, schüttelte die Mähne und verwandelte sich in einen Mann.
„Das ist ja ein interessantes Kunststück!“ rief Tindra erstaunt. „Wer bist du?“
„Ich bin ein Nøkk,“ sagte der Mann mit ernster Stimme. „Ich lebe hier an diesem See. Bitte gehe weiter, ich möchte meine Ruhe.“
Tindra runzelte die Stirn. „Ich will ja weitergehen,“ sagte sie. „Aber diese Insel ist so riesig, und ich weiß gar nicht, wo ich hin soll. Ich suche einen Ort, an dem ich bleiben kann. Ich möchte nicht länger wandern.“
Der Nøkk musterte sie aufmerksam und seufzte. „Nun gut, ich gebe dir einen Tipp. Hinøya ist wirklich groß, die größte Insel Norwegens. Aber dort drüben gibt es eine Brücke, die Menschen in Sortland gebaut haben. Sie führt auf eine andere Insel, Langøya, die ‚lange Insel‘.“
„Das sind mir viel zu viele große Inseln!“ stöhnte Tindra.
Der Nøkk schmunzelte. „Nur die Ruhe. Ganz oben im Nordwesten gibt es einen kleinen Ort auf zwei kleinen Inseln. Der Ort heißt Nyksund. Vielleicht findest du dort, was du suchst.“
Tindras Augen leuchteten. „Nyksund – das klingt wie ein wunderbarer Ort! Vielen Dank, Nøkk.“
Nach ihrer Rast machte sich Tindra wieder auf den Weg. Sie huschte schnell wie eine Maus über die Brücke und versteckte sich in einem klapprigen Auto, das in Richtung Norden fuhr. Nach einer Stunde sprang sie in einem Ort namens Myre ab. Dort traf sie eine kleine Elfe, die gerade die Schaufenster anschaute.
„Entschuldige,“ fragte Tindra, „weißt du, wie ich nach Nyksund komme?“
„Oh, es ist nicht mehr weit,“ sagte die Elfe freundlich. „Nur noch 15 Kilometer. Folge einfach dem holprigen Küstenweg.“
Angespornt und mit der untergehenden Sonne im Rücken nahm Tindra all ihre Kraft zusammen und wanderte den steinigen Weg entlang. Endlich, spät in der Nacht, erreichte sie das Ende der Straße – und sah Nyksund vor sich.
Doch ihr Herz sank. Der Ort sah trostlos aus. Fast alle Häuser waren eingestürzt, und es schien, als würde hier niemand mehr leben. „Und dafür habe ich diesen beschwerlichen Weg auf mich genommen?“ dachte sie enttäuscht.
Plötzlich bemerkte Tindra ein Mädchen, das am Wasser saß. Sie hatte einen langen Pferdeschwanz und sah sehr traurig aus. Tindra war neugierig. „Hallo, ich bin Tindra,“ sagte sie vorsichtig. „Bist du die Tochter vom Nøkk?“
Das Mädchen blickte überrascht auf und lachte leise. „Nein, ich bin Hellen, eine Huldra.“
„Warum bist du so traurig, Hellen?“ fragte Tindra.
„Früher,“ begann Hellen, „als Nyksund noch voller Leben war, kamen die jungen Männer jeden Tag in meine Bucht, die Trollbucht. Sie warfen mir Münzen zu, damit ich sie auf dem Meer beschütze. Aber jetzt wohnt hier kaum noch jemand. Niemand bewundert mich mehr, und ich kann auch niemanden mehr vor den Gefahren des Meeres schützen.“
Tindra nickte mitfühlend. „Das ist wirklich traurig. Aber weißt du was? Ich möchte hier wohnen. Wenn ich Geld verdiene, komme ich zu dir und werde dich bewundern.“
Hellen lächelte. „Das ist lieb von dir, Tindra. Ich glaube, wir können gute Freundinnen werden.“
Tindra blickte sich um. „Du hast gesagt, hier wohnt kaum jemand mehr. Heißt das, es gibt noch Menschen?“
Hellen nickte. „Ja, zwei Menschen wohnen hier: Karl Heinz und Ssemjon. Sie sind ganz nett, aber du solltest aufpassen, dass sie dich nicht sehen. Sie wollen den Ort wieder aufbauen. Sie haben dort hinten mit dem großen Haus begonnen. Sie sammeln Baumaterial aus den alten, kaputten Häusern und bringen es in dieses eine Haus. Manchmal kommen andere Menschen, die ihnen helfen.“
„Das klingt wunderbar!“ sagte Tindra. „Vielleicht kann ich hier etwas bewirken.“
Hellen sah Tindra nach, als sie entschlossen in den Ort ging. Tindra fühlte, dass sie endlich einen Platz gefunden hatte, an dem sie bleiben konnte. Nyksund war vielleicht nicht mehr so lebendig wie früher, aber es war voller Möglichkeiten – und genau das, was sie suchte.